Kleine Weihnachtsgeschichte

"... wie grün sind deine Blätter ...", drang es an mein Ohr. Ich wand mich der Musik zu und mein Blick blieb an einer kleinen Gruppe Jugendlicher hängen, die neben dem großen Kaufhaus stand und Weihnachtslieder trällerte.
Ich drehte meinen Kopf wieder dem Weg zu und schlenderte lustlos zwischen den Menschenmassen hindurch. Es war eisig kalt; so dass ich trotz meines dicken Schaals, dem neuen Mantel, der Mütze, den Handschuhen und und und etwas zitterte. Warum musste Winter nur so mit Kälte verbunden sein? Diese Frage stellte ich mir Tag für Tag, seitdem der Sommer vorüber war. Eilig liefen dick eingemummelte Leute an mir vorbei, die entweder mit Taschen beladen auf dem Nachhauseweg waren, oder noch fieberhaft die letzte Möglichkeit nutzten ein fehlendes Geschenk zu kaufen.
Von überall her hallten Weihnachtschöre und - orchester an meine Ohren. Ja, es war mal wieder so weit, heute war der 24. Dezember, Weihnachten. Was die Leute nur immer so toll daran fanden, warum sie so fröhlich waren, verstand ich noch nie. Ich bin weder sehr christlich und somit auch nicht großartig daran interessiert, Weihnachten zu feiern. Eines jedoch war mir klar: Das viele Geldausgeben und von einem Geschäft zum nächsten zu rasen, um das richtige Geschenk zu finden, konnte nun wirklich nichts mit der wahren Bedeutung von Weihnachten zu tun haben. Ging es dabei nicht eigentlich um Liebe und • ja darum, dass man sich über die Geburt Jesu freute, der vor ewig langer Zeit gelebt hatte, um genau zu sein vor etwas mehr als 2000 Jahren zur Welt gekommen ist?
Warum freute man sich nur so darüber, ich konnte das nicht wirklich nachvollziehen. Es feiert doch auch niemand, jedenfalls niemand den ich kenne, den Geburtstag eines verstorbenen Verwandten, warum dann gerade den von Jesus?
Etwa, weil er der Sohn Gottes gewesen sein soll? Vielleicht war er ja auch ein Betrüger und hat allen etwas vorgespielt, weshalb er ja verurteilt wurde, oder?
Aber was soll's, sollen die Leute halt daran glauben, ich muss es ja nicht.
Schließlich erblickte ich ein kleines Cafe vor mir, auf das ich sogleich Hände reibend zuging. Die Ladentür klingelte, als ich eintrat und einen kalten Luftzug mit hinein brachte. Ich blickte mich um, auf der Suche nach einem freien Tisch und fand glücklicherweise auch einen. Ich steuerte auf ihn zu, knöpfte meinen Mantel auf, hängte ihn über einen Stuhl und lies mich auf einem daneben Stehenden nieder. Meine Handtasche landete ebenfalls auf dem Stuhl, genau wie Handschuhe, Mütze und Schal.
Ich legte die Getränkekarte gerade wieder auf den Tisch zurück, als eine über beide Ohren strahlende Bedienung auf mich zugeeilt kam. Schwungvoll blieb sie an meinem Tisch stehen und fragte mit hoher, erwartungsvoller Piepsstimme: "Frohe Weihnachten. Was kann ich ihnen bitte bringen?" "Einen doppelten Espresso." Die Frau notierte sich schnell meine Bestellung und rauschte mit wehender Schürze wieder davon.
Mit einem Seufzer sank ich in meinem Stuhl zurück und ließ die Ereignisse der letzten Weihnachten vor meinen Augen ablaufen.
Wahrscheinlich würde es dieses Jahr auch nicht großartig anders sein. Ich würde mich um Zwei Uhr wieder auf den Weg zu meinen Eltern ein paar Kilometer weiter machen, um mit ihnen und meiner kleinen Schwester Weihnachten zu feiern. Ja, meine kleine Schwester, im Gegensatz zu mir war sie seit zwei Jahren glücklich verheiratet und war nun schon im neunten Monat schwanger. Ich hoffte innständig, dass die Geburt noch auf sich warten lies, bis das Fest überstanden war. Natürlich würden es sich meine Eltern auch dieses Jahr nicht nehmen lassen, sich darüber zu beschweren, dass ich trotz meiner zweiunddreißig Jahre noch unverheiratet und kinderlos war. Im Gegensatz dazu hatten sie bisher aber auch gegen jeden meiner Freunde etwas einzuwenden: Der eine war zu groß, der andere passte rein gar nicht zu mir, ein anderer wiederum war zu Klein, und noch einer war ihnen zu besserwischerisch. Sie hatten wirklich an jedem etwas auszusetzen.
Ich erwachte wieder aus meinen Gedankengängen, als die für meinen Geschmack viel zu fröhliche Bedienung wieder neben mir erschien und eine Tasse vor mich stellte, sowie ein kleines Törtchen. Ich musterte sie, als ich meinte: "Entschuldigen sie, aber ich habe nichts zu Essen bestellt." Doch das Lächeln auf dem Gesicht der vielleicht zwanzig Jahre jungen Frau wurde nur noch breiter, sofern das überhaupt möglich war. Mit fröhlicher Stimme erwiderte sie: "Das geht aufs Haus. Schließlich ist heute doch Weihnachten." Jedes Wort betonte sie und der Satz klang, als würde sie ihn singen. Ich lächelte milde zurück. "Danke." Und schon war die Bedienung verschwunden.
Während ich gedankenverloren Zucker in meinen Espresso rühre, musste ich wieder an letztes Weihnachten denken. Die ewigen Turteleien von Lilian, meiner Schwester, und ihrem Mann Christian gingen mir auf die Nerven. Dauernd mussten sie mich zulabern, wie glücklich sie doch miteinander wären, ich hatte Mühe meine Langeweile in Zaum zu halten und hatte immer gespielt interessiert genickt.
Ich nippte von meinem Getränk und musste röchelnd feststellen, dass ich vergessen hatte Milch rein zuschütten, was ich natürlich sofort nachholte. Ich probierte noch mal einen kleinen Schluck, ja jetzt war sein Geschmack genau richtig, auch wenn der Espresso von meiner Espressomaschine eindeutig besser schmeckte. Dieser hier war erträglich. Ich ließ meinen Blick über die Menge schweifen, alle lachten sie und waren fröhlich, freuten sich über den heutigen Tag.
Wie gerne würde ich mich auch mal freuen, und Weihnachten mit jemandem verbringen, den ich liebte, mit einem Mann, der vielleicht mal der Richtige sein würde. Doch hatte ich die Suche nach dem so genannten 'Richtigen' eigentlich schon aufgegeben, ich fand ihn ja sowieso nicht. Wer sollte mich, eine griesgrämige Frau, schon mögen, gar lieben. Ein Seufzer entrang meiner Kehle, das Leben war doch einfach ungerecht.
Als ich auch den letzten Schluck runter gespült hatte, winkte ich die Bedienung zu mir, um zu bezahlen. "Danke, und ein gesegnetes Fest.", rief sie mir lächelnd hinterher. Ich winkte nur ab, während ich eingemummelt wie zuvor das Cafe wieder durch die über und über geschmückte Schwingtür verließ.
Doch schon als ich am nächste Ladeneingang vorüberging, hörte ich, wie sich mir eilige Schritte nährten. Als ich mich umdrehte fiel mein Blick auf die Kellnerin von vorhin. "Bitte. Sie haben ihr Portmonee vergessen." "Oh, danken.", meinte ich und wollte mich schon umdrehen um meinen Weg weiter zu gehen. , doch sie hielt mich zurück, indem sie mir ihre Hand entgegenstreckte. Verwundert fragte ich: "Ja, bitte?" Es dauerte einen Moment, bis die Frau ihre Schüchternheit überwunden hatte und meinte. "Ich heiße übrigens Alexa."
Ach herje, was will die nur von mir, dachte ich. Doch letztendlich zwang ich mich zu einem Lächeln, schüttelte ihre Hand und entgegnete: "Ich bin Kathrin." Die mir gegenüberstehende Frau schien nur so vor Fröhlichkeit überzulaufen und ich wollte am liebsten schnellstens hier weg. Aber auch dieses Mal blieb es mir verwährt, einfach weiterzugehen. Denn die Stimme der jungen Frau hielt mich zurück. "Würde es dir- ich darf Sie doch duzen?- etwas ausmachen, wenn ich dich ein Stück begleite?"
"Nein." Warum sagte ich das bitteschön? Natürlich macht es mir etwas aus, wenn die mich begleitete, oder eher wie ein braves Schoßhündchen hinterher tappte. Sie ging mir tierisch auf die Nerven, schon allein ihr Aussehen. Weihnachtlicher ging es ja nicht mehr, dachte ich zumindest. Sie trug als Ohrenwärmer eine rote Zipfelmütze, ihre Jacke war rot, ihr Rock war rot. Sogar ihre schulterlangen, dunkelbraunen, glatten Haare waren von roten Strähnen durchzogen. Das einzige was an ihr nicht rot war, waren ihre Ohrringe, die die Form von Sternen hatten und golden schimmerten, das war meiner Meinung nach auch das einzige, das man an ihr noch akzeptieren konnte. Wie konnte man nur solch einen grellen Rotton tragen?
Ich gab es auf mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Während ich in Richtung meiner Wohnung ging, rückte mir diese Frau nicht von der Pelle. Immerhin bewahrte sie den Anstand, mich nicht anzusprechen. Jedenfalls die nächsten fünf Minuten nicht, dann meinte sie jedoch plötzlich: "Kann es sein, dass du dich nicht über Weihnachten freust?" Ich gab keine Antwort, was geht das die überhaupt an. "Warum?" Wieder schwieg ich, was sollte ich denn auch sagen. Ich wusste ja selbst nicht genau, warum ich etwas gegen Weihnachten hatte. Ja meine Familie ging mir ziemlich auf den Wecker und Glück hatte ich nun mal auch nie, aber reichen diese beiden Sachen als Grund, Weihnachten zu verabscheuen?
Noch immer trat kein Wort über meine Lippen und Alexa gab es anscheinend glücklicherweise auf, etwas in der Art aus mir herauszubekommen.
Auf einmal blieb die junge Frau stehen und ging in die Knie. Verwundert blickte ich auf sie herab und dabei blieben meine Augen an einem Penner hängen. Alexa lächelte, kramte in ihrem roten Rucksack, den ich komischer Weise erst da bemerkte, rum, worauf ein Apfel, eine kleine Kerze und eine Streichholzschachtel zum Vorschein kamen. Meine Blicke waren genauso von Erstaunen erfüllt wie die des Penners. Warum machte Alexa das? Warum gab sie dem Penner das alles? Als ob das ihm helfen würde.
"Fröhliche Weihnachten."; sprach die junge Frau mit einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen. Dabei erhob sie sich und wollte sich mir zuwenden, als ich ganz leise die Stimme des Penners vernahm. "Danke." Die junge Frau verharrte noch einen Augenblick an dem nun lächelnden eigentlich noch jungen Mann. "Gern geschehen.", waren ihre letzten Worte, bevor sie sich letztendlich von ihm abwandte und wir weitergingen.
Ich warf ihr immer wieder merkwürdige Blicke zu, bis ich mich schließlich durchrang zu fragen: "Warum hast du das gemacht?" Der Blick, den sie mir zuwarf, erschreckte mich ein wenig. Zugleich vorwurfsvoll, wie auch als würde sie nicht verstehen was ich da fragte, als wäre das doch selbstverständlich.
Sie blieb stehen und meinte dann: "Heute ist doch Weihnachten." "Na und.", erwiderte ich sofort. Ihr Blick wurde noch intensiver und nachdem sie einmal laut seufzte, sagte sie: "Heute, Weihnachten, ist doch das Fest der Liebe. Das Fest, an dem man anderen etwas gutes tut, das Fest, an dem man sich mit anderen freut, an dem man andere, und sich selbst, zum Lachen bringt. Weihnachten ist etwas ganz besonderes. Weihnachten ist der Geburtstag Jesu Christi, des Heilands. Wir alle freuen uns, dass es ihn gegeben hat und feiern ihn."
"Aber er ist doch längst tot. Warum soll ich ihn dann feiern. Schmeiß ich etwa am Geburtstag meiner verstorbenen Großmutter eine Party?", meinte ich, fest davon überzeugt, dass ich das richtige sagte. Doch Alexa schüttelte nur den Kopf. Sie wollte gerade etwas sagen, als wir ganz aus der Nähe Kirchturmglocken hörten. "Komm mit. Ich zeige dir, warum Weihnachten etwas ganz besonderes ist." Und schon zerrte sie mich am Ärmel in die Richtung aus der die Glockengeräusche kamen. Ich hatte keine Ahnung, warum ich mitging, obwohl ich eigentlich weder Lust hatte, noch das Bedürfnis verspürte eine Kirche zu betreten. Wozu das alles?
Aber ich ließ es mit mir geschehen und stand somit auch schon wenige Augenblicke später vor dem großen Eingangsportal der Kirche. "Da sollen wir rein?", fragte ich zweifelnd. Alexandra nickte heftig mit dem Kopf, machte leise eine der Flügeltüren auf und zerrte mich hinter sich hinein. Erst als die Tür sich hinter mir wieder schloss ließ sie mich los.
Ich blickte mich um. Die Kirche war rappelvoll. Alexa bugsierte mich zu einer Reihe weiter hinten und wir ließen uns auf der Bank genau neben dem Gang nieder. So hatten wir verhältnismäßig gute Sicht auf alles, was sich dort vorne abspielte.
Ich machte gerade den Mund auf, um der jungen Frau zu sagen, dass ich lieber wieder raus möchte, aber sie hielt nur den Finger vor den Mund und zeigte stumm nach vorne. So blieb ich eben sitzen, ein Kirchenbesuch würde mich ja auch nicht umbringen.
Irgendwo über mir erklang Gesang. Ich konnte das Lied als "Heilige Nacht, selige Nacht" identifizieren.
Doch auch nur kurz darauf verstummte der Chor wieder und ich vernahm Stimmen von weiter vorne. Ich wand meine Aufmerksamkeit den vorderen Kirchenraum zu.
Dort sah ich zwei Kinder, das eine hatte ein langes Kleid an und ein Kissen oder ähnliches unter ihm, so dass es aussah, als wäre sie schwanger, um den Kopf trug sie ein Tuch. Das andere Kind trug ebenfalls ein langes Gewand, nur sollte es einen Jungen/Mann darstellen. Es war eine kleine Kulisse aufgestellt: drei Türen.
Der Mann klopfte an eine und sie wurde geöffnet, hinter ihr stand ein weiteres verkleidetes Kind. Der Mann meinte: "Ich und meine Frau suchen eine Herberge für die Nacht." "Alles besetzt.", meinte der in der Tür stehende. So ging es auch die nächste Tür.
Ich fragte mich, warum man kein einziges Zimmer für eine Schwangere finden konnte, jeder musste ihren Zustand doch bemerkt haben. Doch niemand wollte die beiden anscheinend aufnehmen. Bei der letzten wurde ihnen schließlich gesagt, dass zwar kein Zimmer mehr frei sei, sie aber in den Stall könnten.
Die nächste Szene spielte im Stall, wo das Kind zur Welt kam.
Die Geschichte kam mir bekannt vor, ich hatte sie schon einmal gesehen, als Kind. Nein ich hatte sogar mitgespielt, als Engel.
Ich erinnerte mich, dass es genauso war wie hier. Die Kulisse war fast dieselbe.
Ich konnte nicht sagen warum, aber aus irgendeinem Grund berührte mich dieses Krippenspiel und ich fing langsam an zu begreifen, warum man Weihnachten feierte.
Jesus war etwas besonderes, er war nicht nur ein einfaches Baby, nein er war Gottes Sohn. Als wir die Kirche etwas mehr als eine Stunde später wieder verließen, hatte sich etwas in mir verändert. Ich fing sogar allmählich wieder an zu verstehen, wer Gott war, wer Jesus ist. Ich erkannte, warum Alexa vorhin diesem armen Penner einen Apfel, eine Kerze und eine Streichholzschachtel gegeben hatte. Es erschien mir jetzt total logisch. Es war ein Geschenk. Ein solches Geschenk, wie es die drei heiligen Könige Jesus gemacht hatten. Es war ein Geschenk, um jemanden zu erfreuen. Alexa hatte ihm damit zwar nicht über seine Armut hinweggeholfne, aber sie hatte ihm ein Stück Fröhlichkeit und Freude an Weihnachten geschenkt. Etwas, was man alleine nicht bekommen konnte.
Nun wusste ich, dass es kein Zufall war, dass ich diese junge Frau traf, es war unsere Bestimmung. Sie hat mir wieder gezeigt, was ich über die Jahre vergessen hatte. Sie zeigte mir, was der wahre Sinn Weihnachtens ist.