Schritte

Angst durchflutete sie, während sie einen Schritt nach dem anderen versuchte über die knarrenden Dielenbretter zu schleichen. Ihr Atem ging schnell, schoss stoßweise aus ihrem Mund hinaus; ihre Lunge fühlte sich an als würde sie gleich zerbersten und ihr Herz schlug so laut, dass sie darum bangte, man würde sie hören. Vorsichtig schob Alice die Tür vor ihr auf und lugte durch einen winzigen Spalt in das Zimmer hinein. Ein widerlicher Gestank kam ihr entgegen, so dass sie ihr Gesicht angewidert abwandte und die Nase zuhielt. Doch die Neugierde packte sie, als sie ein Geräusch aus dem Zimmer vernahm. Ihr Kopf drehte sich wieder und sie schob die Tür noch ein kleines Stück weiter auf. Das Zimmer in das sie blickte war düster, man meinte schon fast Nebelschwaden in ihm ziehen zu sehen. Spinnweben hingen von der Decke und spannten große Netzte in den Ecken und zwischen Möbeln. Suchend blickte sich Alice in dem Raum um, woher kam dieses Geräusch? Ihr Blick wanderte über die verhangenen Sessel und das Sofa, über den mit einer dicken Staubschicht bedeckten Tisch, über den von Motten zerfressenen Teppich und die von Rissen durchfurchten Wände und Zimmerdecke. Man hatte Angst, das ganze Haus würde gleich über einem zusammen stürtzen.
Da, wieder vernahm sie ein Geräusch, leise, aber doch zu verstehen. Ein Knarren, wahrscheinlich das Knarren des Bodens, wenn jemand darüber ging. Aber wer konnte das sein, sie konnte niemandem in dem Zimmer ausmachen, doch das Geräusch wiederholte sich, schien näher zu kommen. Nun, es war ganz nahe, kam auf sie zu. Ängstlich wich sie einen Schritt zurück konnte aber ihre Augen vor Neugierde nicht von dem Zimmer lassen. Da sah sie plötzlich etwas über den Boden huschen, eine Maus, klein und weis. Das Knarren verschwand mit ihr wieder in die Entgegengesetzte Richtung. Alice atmete erleichtert auf, es war nur eine Maus, eine kleine Maus, die konnte ihr nichts anhaben. Mit zitternden Beinen wagte sie wieder einige Schritte vorwärts, schob die Tür ganz auf und erstarrte, als die alten Scharniere ein lang gezogenes Quietschen von sich gab. Doch sie fing sich schnell wieder und betrat tapfer das Zimmer. Der Geruch hier drinnen war noch unerträglicher, als auf dem Flur vor dem Raum, und desto mehr Schritte sie wagte, desto intensiver wurde er. Sie blickte sich um: Das Licht des Mondes warf gespenstische Schatten auf den Boden und ließ den Staub in der Luft flimmern. Da vernahm sie plötzlich Schritte hinter sich. Angst durchflutete sie, ihr Speichel vertrocknete und ihr Gesicht verlor jegliche Farbe. Langsam drehte sie sich um, wollte eigentlich gar nicht sehen, wer oder was sich ihr da nährte, aber wollte ihm auch nicht den Rücken zudrehen. Als sie sich um Hundertachtzig Grad gedreht hatte und dem Wesen, dem die Schritte zuzuschreiben waren entgegenblickte, entfuhr ihrer Kehle ein Schrei...

...Klock, Klock, Klock ..., erschrocken fahre ich von meinem Buch hoch, gespannt hatte ich Zeile um Zeile verschlungen, konnte nicht aufhören zu lesen, doch jetzt, jetzt vernehme ich selber Schritte, die sich meinem Zimmer nähren. Die Sätze, die ich eben gelesen hatte, nehmen Gestalt in mir an, ich sehe wie Alice durch das Zimmer lugt, wie sie hineingeht, Schritte hinter sich hört, sich umdreht, ich höre sie schreien. Angst durchflutet mich, die Schritte kommen mir immer näher. Plötzlich wird meine Türklinke heruntergedrückt und Angstschweiß bildet sich auf meiner Stirn, was soll ich nur machen. Ich verspühre die selben Gefühle, wie Alice verspührt haben musste, ich kann mich keinen Zentimeter bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen starre ich zur Tür, verfolge sie, wie sie sich langsam öffnet, weiter und weiter. Dann ist sie ganz auf und eine Person betritt mein Zimmer. Ich erkenne sie nicht und bin schon nahe dran zu schreien, als sich ihre Hand zum Lichtschalter bewegt und ihn um knipst, womit mein Zimmer von Helligkeit durchflutet wird. Erleichtert atme ich auf, es ist nur mein kleiner Bruder. "Alice, ich kann nicht schlafen", bringt er leise heraus. Ja, ich heiße wirklich auch Alice, was für ein Zufall, nicht? Die Hauptperson meines Buches hat den selben Namen, vielleicht war das auch der Grund warum ich nach ihm in der Buchhandlung gegriffen habe.
Ein Lächeln huscht über meine Lippen, ich lege mein Buch zur Seite und schlage meine Bettdecke zurück. "Na, dann komm", sage ich sanft zu meinem Bruder, der darauf sofort mit seinem Teddy im Arm auf mich zu gerannt kommt und in mein Bett springt. Er kuschelt sich an mich und schließt die Augen. Sachte streichele ich ihm über die Wange und schlage die Decke wieder zurück über uns beide. Nachdem ich die Nachttischlampe ausgestellt habe und mich gemütlich in meinem Bett zurückgelegt habe, flüstere ich meinem Bruder noch ein: "Gute Nacht" in die Ohren bevor meine Augen zufallen wie Blei. Der Schrecken, den das Buch in mir geweckt hatte, war verschwunden und ich segelte friedlich ins Land der Träume ohne an irgendetwas Grausames zu denken.

Doch plötzlich hörte man das Knarren des Bodens; ganz gleichmäßig. "Knarz...Knarz...Knarz..." Etwas nährte sich der Zimmertür, Schritt um Schritt kam es näher. Ein schauerliches Grinsen umspielte dessen Lippen und es Knirschte mit den Fingern. Mit ruhiger Hand nährte er sich der eben geschlossenen Tür und griff nach der Klinke. Leise, fast geräuschlos drückte es sie herunter und öffnete die Tür mit einem langen Quietschen. Die für eine kurze Zeit anhaltenden Schritte kamen wieder auf und der Boden gab unter ihnen wieder nach. Das fiese Grinsen auf dem Gesicht des Etwas wurde noch breiter während es sich dem Bett nährte. Dort drinnen lagen zwei Kinder, eng aneinander geschmiegt und schliefen Seelenruhig, wussten nicht, was ihnen blühte.
Eine knochige Hand, über die die Haut gespannt war, wie die Pelle über die Wurst, dünn und zum zerreißen gedehnt, streckte sich aus und nährte sich dem Gesicht des kleinen Jungens. Der Ärmel des Gewands rutschte zurück und offenbarte etwas, das einem Arm nur sehr wenig glich. Es gab nur noch die Knochen, überspannt mit einer sehr dünnen Haut, Adern waren nirgends zu erkennen, die Haut war blass, als würde kein Leben mehr durch sie fließen, als gehöre sie einem Toten.
Die wie Kinder schliefen noch immer seelenruhig und atmeten still und friedlich, ahnten nicht, was hier geschah, was geschehen würde. Mit seinem schiefen Grinsen strich das Etwas mit dem Handrücken Über die Wange des Jungen, die sich sofort kreideweiß färbte. Und als es die Hand wieder zurückzog, blieb nicht nur die Backe des Kindes so bleich, sondern auch die restliche Farbe verschwand aus dem Gesicht des Jungen, Blässe kroch seinen Hals hinunter, über seine Arme, bis zu den Fingerkuppen, die Brust hinunter über den Bauch, die Beine hinunter, bis zu den Zehenspitzen. Der Junge besaß keinen Flecken Farbe mehr, sogar im Inneren verschwand jeglicher Schimmer, seine Lunge wurde langsamer, kam zum Stillstand und sein Herz hörte auf zu schlagen. Kälte breitete sich in seinem ganzen Körper aus und vertrieb alle Wärme, er atmete nicht mehr. Nun nährte sich die Hand, falls es überhaupt so etwas war, auch dem Mädchen. Sein Mund öffnete sich und Worte drangen im Flüsterton aus ihm heraus. Eine Stimme, die nicht von dieser Welt zu kommen schien trat aus ihm. "Bald wird es geschehen sein. Ihr werdet nicht die Einzigen sein, denen es so ergehen wird. Viele werden euch folgen, viele sehr viele; alle werden sich zu euch gesellen." Danach brach die Gestalt in schallendes, bösartiges Lachen aus und berührte mit der Hand das Mädchen.
Als auch dieses kreideweiß war und alles Leben aus ihr gewichen war, erhob das Etwas abermals seine Stimme: "Nun erhebt euch, meine Kinder. Und folgt mir."
Plötzlich schlugen die Geschwister ihre Augen wieder auf, doch sie waren von keiner normalen Farbe erfüllt. Stechendes Rot leuchtete aus ihnen heraus. Wie in Trance setzten sie sich auf. Ihre Haut blieb weiß, ihre Gesichtszüge blieben wie versteinert, als besäsen sie keinen Willen mehr. Wie bei einer Puppe öffnete und schloss sich der Mund von Alice und ließ jene Worte in aller Kälte herauskommen: "Was befiehlt ihr Meister?â"


Schweißgebadet schrecke ich in meinem Bett hoch und sitze sofort kerzengerade in ihm. Angstvoll schweift mein Blick durch das noch durch die Nacht verdunkelte Zimmer. Ich suche jemanden, nein, ich suche etwas. Gerade war da doch noch jemand, eine Gestalt, ich konnte, kann noch immer nicht sagen, was es war. Es war durch einen Mantel verhüllt, schien aber nicht aus Fleisch zu bestehen, es besaß eine Hand, über deren Knochen nichts außer Haut gespannt war. Es war grauenhaft. Ihre Berührung meiner Haut, so kalt, ja mich durchfuhr dabei ein Eiskalter Schauer, der sich über meinen ganzen Körper ausbreitete. Dann wurde alles um mich herum plötzlich schwarz. Was war da nur passiert, wo ist diese Gestalt jetzt? Doch noch eine andere Frage quält mich: War das gerade Erlebte real? Ich kann es beim besten Willen nicht sagen. Es sprechen genauso viele Argumente dafür, wie dagegen. Ja, ich muss zugeben, es wirkte alles unglaublich real, diese Kälte, das Zimmer alles. Doch warum bin ich gerade aufgewacht? Habe ich geschlafen, und das alles nur geträumt?
Doch da schoss plötzlich ein weiterer, bisher unberücksichtigter Gedanke durch meinen Kopf: Mein Bruder. Er war doch Teilnehmer meines Schauspiels. Kam er nicht heute Nacht zu mir ins Bett, als ich noch gelesen habe? Ich lasse meine Augen zur Seite wandern, zu der Stelle, an die sich mein Bruder gelegt hatte. Und tatsächlich, dort liegt er.